Verein der Freunde und Förderer des LVR-Industriemuseums Bergisch Gladbach - Papiermühle Alte Dombach e.V. -
Verein der Freunde und Fördererdes LVR-Industriemuseums Bergisch Gladbach- Papiermühle Alte Dombach e.V. -  

 

Sonderausstellung vom 12. März bis zum 22. Dezember 2017

 

Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier

Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden

 

 

 

In China ist Papier nicht nur vor über 2000 Jahren erfunden worden, sondern es spielt dort bis heute er 2017bei den Ritualen zum Tod von geliebten Menschen eine wichtige Rolle. Dinge, die der Verstorbene für ein gutes Leben im Jenseits braucht, werden ihm in Form von Nachbildungen aus Papier gesandt: Sie werden verbrannt und nehmen dabei den Weg in die Welt der Toten. Die Gaben orientieren sich an der Lebensweise und den Vorlieben des Verstorbenen – Kleidung und Speisen, Geld, aber auch Handtaschen, Computer, Häuser oder Musikinstrumente. Die Ausstellung beleuchtet dieses über tausend Jahre alte Ritual und seine heutige Praxis mit zahlreichen papierenen Opfergaben aus dem Jahr 2016.

 

 

Ahnenverehrung in China

 

Die Verehrung der Ahnen hat in China eine lange Tradition und bis heute eine große Bedeutung für die meisten Menschen. Bereits im 2. Jahrtausend vor Christi entsprach sie dem vorherrschenden Weltbild und war weit verbreitet. Sie wurde in alle Religionen, die sich in den folgenden Jahr-tausenden in China durchsetzten, integriert und konnte so beibehalten werden. Die Rituale der Ahnenverehrung entsprechen einer gelebten Tradition, die auf Respekt gegenüber den Toten beruht. Sie überlebten die einander ablösenden feudalen, maoistischen und staatskapitalistischen Gesellschaftsordnungen und sind ein Beispiel für die Lebendigkeit des überlieferten chinesischen Volksglaubens.

 

Das Verbrennen von papierenen Opfern ist verbunden mit der Vorstellung einer jenseitigen Welt, in der Ahnen, Geister und Götter leben. Das Jenseits ist ein Spiegelbild der realen, diesseitigen Welt, und die Bewohner beider Welten brauchen dieselben Dinge für ein angenehmes Leben. Götter, Geister und Ahnen haben großen Einfluss auf das Schicksal der Menschen. Deshalb möchten die Lebenden ihren Vorfahren Annehmlichkeiten bieten und Wünsche erfüllen. Dafür schicken sie ihnen Dinge, die auch im Diesseits für ein gutes Leben wichtig sind.

 

Bereits aus dem 3. Jahrhundert vor Christi Geburt stammen Funde, die dieses Weltbild widerspiegeln. So fand man in Gräbern aus der Han-Zeit (206 v.Chr. bis 220 n.Chr.) Bleifiguren, die den Frondienst der Verstorbenen übernehmen sollten. Besonders bekannt sind die über siebentausend Krieger aus Terrakotta, die das Grab des ersten chinesischen Kaisers mit einer weitläufigen Palastanlage bewachen.

 

 

Vom Diesseits ins Jenseits

 

Die Voraussetzungen für ein gutes Leben im Jenseits entsprechen zwar in vielerlei Hinsicht denen im Diesseits, aber die Form ist doch eine grundlegend andere. Deshalb werden nicht reale Dinge zu den Toten gesandt, sondern Nachbildungen oder Miniaturen. "Die Toten als Lebende zu behandeln, wäre nicht weise…" – so setzte sich schon Konfuzius um 500 vor Christi damit auseinander, dass das Jenseits einerseits dem Diesseits so weitgehend entspricht, andererseits etwas grundsätzlich Anderes ist.

 

Vermutlich seit dem 7. Jahrhundert nach Christi Geburt bestanden die Nachbildungen oft aus Papier und wurden verbrannt. Bereits in der späten Song-Zeit (960 bis 1279) werden Geschäfte und Verkaufsstände für solche Objekte beschrieben. Beim Verbrennen legen die Objekte den Weg vom Diesseits ins Jenseits zurück.

 

Diese Papiergaben werden im englischsprachigen Raum auch als "Joss-Paper" bezeichnet. Der Begriff leitet sich von der chinesischen Aussprache des portugiesischen Wortes "deos" für Götter ab.

 

Geld hat unter den Objekten für das Jenseits eine besondere Bedeutung. Imitationen von Zahlungsmitteln wie Kaurimuscheln, Silber- oder Goldbarren oder Münzen wurden schon in Gräbern aus vorchristlicher Zeit gefunden. So genanntes "Geister-" oder "Höllengeld" spielt noch heute eine wichtige Rolle.

 

 

Ritual jenseits offizieller Glaubenssysteme

 

Das Ritual der Verbrennung von Papierobjekten, die Alltagsgegenstände darstellen, hat zwar eine lange Tradition und drückt die Überzeugung der Menschen aus, wurde aber von der staatlichen Obrigkeit immer eher geduldet als befürwortet. Dies war schon in der chinesischen Kaiserzeit so, als der Brauch entstand, und setzte sich unter Maos Herrschaft fort, in der diese Tradition aus der feudalen Vergangenheit abgelehnt wurde. Heute wird versucht, das Ritual in geregelte Bahnen zu lenken, mit Verbrennungsöfen an den Friedhofsanlagen und Auflagen vor dem Hintergrund von Brand- und Umweltschutz.

 

 

 

 

Modernes Leben im Jenseits

 

Weil die Voraussetzungen für ein gutes Leben im Jenseits so weitgehend denen im Diesseits entsprechen, repräsentieren die Opfergaben aus Papier die Dinge, die der Verstorbene zu seinen Lebzeiten benötigt oder sich gewünscht hat. Es gibt also Speisen, Genussmittel wie Zigaretten, Kochgeschirr, traditionelle und moderne Kleidung, Häuser und Hausrat, Kommunikationsgeräte wie Smartphone oder Computer, Autos, Musikinstrumente, Kinderspielzeug, auch Rollstühle und andere Hilfsmittel usw. – alles in realem oder verkleinertem Maßstab. Geld spielt nach wie vor eine wichtige Rolle. Auf dem einen oder anderen Gegenstand findet sich der Name einer Prestige verheißenden tatsächlich existierenden oder erfundenen Marke.

 

Die Ausstellung präsentiert also nicht nur die Geschichte einer alten Tradition in China, sondern lässt auch Blicke auf den modernen Alltag in einem Land zu, das sich in den letzten Jahrzehnten tiefgreifend gewandelt hat und in dem sich traditionelle Lebensformen und modernste Megastädte gegenüberstehen.

 

 

Partner

 

Bei der Konzeption der Ausstellung haben wir mit Xuemei Täubner-Liu aus Nanjing und dem Sinologen, Kunsthistoriker und Ausstellungskurator Dr. Thomas Täubner zusammengearbeitet. Sie betreiben das China Forum Galerie T in Kürten und organisieren Kulturkontakte mit China und Ausstellungen. Im vergangenen Jahr haben sie die ausgestellten Objekte in Changchun, Nanjing, Changzhou, Xuancheng und Hanghzou im Osten der Volksrepublik China zusammengetragen und für die Ausstellung recherchiert.

 

 

Ausstellung vom 12. März bis zum 22. Dezember 2017

 

Öffnungszeiten

Dienstag – Freitag 10 – 17 Uhr

Samstag und Sonntag 11 – 18 Uhr

 

Eintritt 3 €, ermäßigt 2,50 €, Kinder und Jugendliche frei

 

 

LVR-Industriemuseum Papiermühle Alte Dombach

51465 Bergisch Gladbach

 

Besucherinformationen: kulturinfo rheinland; Tel.: 02234 9921-555

Begleitprogramm und weitere Informationen unter www.industriemuseum.lvr.de